Kurze Zusammenfassung
Die Ertragswertmethode ist das bewährteste Verfahren, um den Unternehmenswert im Handwerk zu ermitteln. Sie bewertet Ihren Betrieb nach seiner Ertragskraft – also seiner Fähigkeit, kontinuierlich Gewinn zu erwirtschaften. In diesem Leitfaden erfahren Sie, wie die Ertragswertmethode Berechnung funktioniert, welche Faktoren den Unternehmenswert beeinflussen und wie Sie mit unserem kostenlosen Online-Rechner in 10 Minuten eine erste professionelle Bewertung erhalten.
Was ist die Ertragswertmethode und warum brauchen Sie sie?
Stellen Sie sich zwei Schreinereien mit identischer Ausstattung vor – gleiche Maschinen, ähnliche Werkstatt. Doch die eine erwirtschaftet 80.000 Euro Gewinn pro Jahr, die andere nur 30.000 Euro. Welche ist mehr wert? Die Antwort liegt auf der Hand – und genau das erfasst die Ertragswertmethode.
Anders als die Substanzwertmethode, die nur materielle Vermögenswerte bewertet, schaut die Ertragswertmethode in die Zukunft: Wie viel Ertrag kann dieser Betrieb einem neuen Inhaber bringen?
Warum die Ertragswertmethode unverzichtbar ist:
- Branchenstandard: Die AWH-Methode basiert darauf und wird bundesweit von Handwerkskammern anerkannt
- Von Banken akzeptiert: Die vertrauenswürdigste Grundlage für Kreditverhandlungen
- Steuerlich anerkannt: Bei Betriebsübergaben, Erbschaften und Schenkungen
- Realistisch: Bewertet das, was wirklich zählt – die Ertragskraft
Laut Studien planen 29% der Handwerksunternehmer eine Betriebsübergabe in den nächsten fünf Jahren, doch 41% kämpfen mit der Unternehmenswertermittlung.
Die Grundformel der Ertragswertmethode Berechnung
Die Ertragswertmethode folgt einer klaren Formel:
Ertragswert = Gewichtetes Betriebsergebnis ÷ Kapitalisierungszinssatz
Ausführlich: Ertragswert = (0,1×BE₋₃ + 0,2×BE₋₂ + 0,3×BE₋₁ + 0,4×BE₀) ÷ (r + z)
Dabei bedeutet:
- BE = Bereinigte Betriebsergebnisse der letzten vier Jahre
- r = Basiszinssatz (ca. 3,5% in 2024)
- z = Risikozuschläge (inklusive Inhaberabhängigkeit)
Die Gewichtung macht die Bewertung realistischer: Aktuelle Jahre (40%) zählen mehr als zurückliegende (10%), weil sie bessere Rückschlüsse auf die Zukunft zulassen.
Schritt für Schritt: Unternehmenswert ermitteln

Schritt 1: Bereinigte Betriebsergebnisse ermitteln
Passen Sie Ihre Jahresergebnisse an:
- Hinzurechnen: Außerordentliche Aufwendungen, zu hohe Geschäftsführergehälter, private Nutzungsanteile
- Abziehen: Außerordentliche Erträge, kalkulatorischer Unternehmerlohn (wichtigster Punkt!), kalkulatorische Miete, Abschreibungen und Zinsen
Schritt 2: Kalkulatorischen Unternehmerlohn berechnen
Der oft größte Kostenblock bei der Ertragswertmethode Berechnung:
Formel: Meisterlohn × 12 + 20% Sozialversicherung + 20-50% Unternehmer-Zuschlag
Beispiel Elektrikermeister:
- Meisterlohn: 4.500 € × 12 = 54.000 €
- Sozialversicherung (20%): 10.800 €
- Unternehmer-Zuschlag (30%): 16.200 € = 81.000 € kalkulatorischer Unternehmerlohn
Hier geht es zum ausführlichen Artikel zur Berechnung des kalkulatorischen Unternehmerlohns
Schritt 3: Kapitalisierungszinssatz bestimmen
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Der Kapitalisierungszinssatz setzt sich zusammen aus:
Kapitalisierungszinssatz = Basiszinssatz + Immobilitätszuschlag + Risikozuschläge + Inhaberabhängigkeit
- Basiszinssatz: ca. 3,5% (Rendite risikofreier Staatsanleihen)
- Immobilitätszuschlag: 1-3% (schwere Verkäuflichkeit von Handwerksbetrieben)
- Risikozuschläge: 8-12% (Kundenabhängigkeit, Branche, Standort, Ausstattung, Personal, etc.)
- Inhaberabhängigkeit: 0-30% (der wichtigste Faktor!)
Die Inhaberabhängigkeit wird durch neun Kriterien ermittelt (persönliche Kundenbindung, Stellvertretung, Fachwissen, etc.) und nach dieser Formel berechnet:
Zuschlag = -6% × Durchschnittsnote + 36%
Bei einer Durchschnittsnote von 3,0 ergibt sich ein Zuschlag von 18%.
Tipp: Unser kostenloser Online-Rechner bestimmt die Kapitalisierungszinssatz automatisch für Sie.
Schritt 4: Ertragswert berechnen
Beispiel Elektrobetrieb:
Gewichtetes Betriebsergebnis: (0,1×45.000) + (0,2×52.000) + (0,3×68.000) + (0,4×75.000) = 65.300 €
Kapitalisierungszinssatz: 3,5% + 2,0% + 10,0% + 18,0% = 33,5%
Ertragswert = 65.300 € ÷ 33,5% = 194.925 €
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Was tun, wenn Ihr Unternehmenswert niedriger oder höher ist als erwartet?
Ihr Wert ist niedriger als gedacht
Das ist ernüchternd, aber kein Grund zur Panik. Ein niedriger Ertragswert zeigt Ihnen konkret, wo Sie ansetzen können:
Sofortmaßnahmen:
- Inhaberabhängigkeit reduzieren: Bauen Sie eine zweite Führungsebene auf. Ein erfahrener Geselle mit Prokura oder ein zweiter Meister kann die Abhängigkeit deutlich senken.
- Prozesse dokumentieren: Halten Sie wichtige Abläufe schriftlich fest. Wenn alles nur in Ihrem Kopf existiert, drückt das den Wert.
- Kundenstamm diversifizieren: Sind Sie von 1-2 Großkunden abhängig? Verbreitern Sie Ihre Basis.
Realistisch bleiben: Ein niedriger Wert bedeutet nicht, dass Ihr Betrieb schlecht ist. Er zeigt nur, dass ein Käufer höhere Risiken sieht. Mit 2-3 Jahren gezielter Arbeit können Sie den Wert um 30-50% steigern.
Ihr Wert ist höher als erwartet
Glückwunsch! Aber Vorsicht vor Euphorie:
Wichtig zu verstehen:
- Der berechnete Ertragswert ist nicht automatisch der Verkaufspreis
- Marktpreise hängen von Angebot und Nachfrage ab
- Ein Käufer wird trotzdem verhandeln
Nutzen Sie den hohen Wert:
- Bei Bankgesprächen: Ein solider Ertragswert stärkt Ihre Kreditwürdigkeit
- Für Ihre Planung: Sie haben ein wertvolles Asset aufgebaut – schützen Sie es
- Verkaufsvorbereitung: Mit einem hohen Wert können Sie selbstbewusst in Gespräche gehen
Wichtig: Holen Sie sich bei konkreten Verkaufsplänen eine professionelle AWH-Bewertung.
Die 3 häufigsten Fehler bei der Ertragswertmethode vermeiden
Fehler 1: Kalkulatorischen Unternehmerlohn zu niedrig ansetzen
Das ist der häufigste Fehler bei der Ertragswertmethode Berechnung. Viele Inhaber setzen nur ihren tatsächlich entnommenen Betrag an oder orientieren sich am Gesellenlohn. Richtig ist: Ein marktüblicher Meisterlohn plus Zuschläge, typischerweise 70.000-90.000 € pro Jahr. Die Folge zu niedriger Ansätze: Überhöhte Betriebsergebnisse und ein unrealistisch hoher Unternehmenswert, der in Verkaufsverhandlungen nicht haltbar ist.
Fehler 2: Inhaberabhängigkeit unterschätzen
Viele Betriebsinhaber unterschätzen ihre eigene Bedeutung für den Betrieb. Die Realität: Wenn Sie der einzige Meister sind, alle wichtigen Kundenbeziehungen pflegen und alle strategischen Entscheidungen treffen, ist die Inhaberabhängigkeit hoch – typischerweise 25-30%. Das drückt den Unternehmenswert erheblich. Ein Unterschied von nur 10 Prozentpunkten kann den Wert um 30-50% verändern. Seien Sie ehrlich bei der Bewertung: Könnte der Betrieb ohne Sie weiterlaufen?
Fehler 3: Nur den Ertragswert betrachten
Die goldene Regel der Unternehmensbewertung: Der finale Unternehmenswert entspricht dem Maximum aus Substanzwert und Ertragswert. Liegt der Ertragswert unter dem Substanzwert, ist das ein Warnsignal: Der Betrieb verdient weniger, als seine vorhandenen Maschinen, Fahrzeuge und Lagerbestände wert sind. In diesem Fall sollten Sie dringend an der Ertragskraft arbeiten.
Häufig gestellte Fragen zur Ertragswertmethode im Handwerk
Wie unterscheidet sich die Ertragswertmethode von der Substanzwertmethode?
Die Substanzwertmethode bewertet nur materielle Vermögenswerte (Maschinen, Fahrzeuge) zu ihrem Zeitwert. Die Ertragswertmethode hingegen bewertet die Ertragskraft – wie viel Gewinn der Betrieb erwirtschaften kann. Zwei identisch ausgestattete Tischlereien hätten den gleichen Substanzwert, aber bei Gewinnen von 80.000 € vs. 30.000 € zeigt die Ertragswertmethode den wahren Wertunterschied.
Wie oft sollte ich meinen Betrieb bewerten lassen?
Für aktive Betriebssteuerung empfehlen wir eine jährliche Aktualisierung. Bei konkreten Verkaufsabsichten alle 6 Monate. Unser kostenloser Online-Rechner macht regelmäßige Kontrollen einfach. Bei größeren Veränderungen (neuer Großkunde, teure Investition, Verlust eines Schlüsselmitarbeiters) sollten Sie außerplanmäßig neu bewerten.
Kann ich Teilbetriebe oder einzelne Gewerke bewerten?
Ja, die Ertragswertmethode eignet sich auch für Teilbetriebe, wenn Sie getrennte Betriebsergebnisse haben. Bei einer Elektroinstallation und Elektrohandel-Sparte können Sie beide separat bewerten – vorausgesetzt, Sie haben getrennte Gewinn- und Verlustrechnungen. Bei Gewerken innerhalb eines Betriebs müssen Gemeinkosten aufgeteilt werden. Hier empfiehlt sich professionelle Beratung.
Warum ist mein Ertragswert niedriger als erwartet?
Häufigste Gründe: (1) Hohe Inhaberabhängigkeit – wenn Sie unersetzlich sind, steigt der Kapitalisierungszinssatz und der Wert sinkt. (2) Niedriger Gewinn nach Abzug des kalkulatorischen Unternehmerlohns – viele Betriebe verdienen gut, aber nach marktüblichem Gehalt bleibt wenig. (3) Hohe Risikozuschläge durch Kundenkonzentration, veraltete Ausstattung oder schwierige Standortsituation. Die gute Nachricht: An all diesen Punkten können Sie arbeiten.
Fazit
Die Ertragswertmethode bewertet Ihren Betrieb nach dem, was wirklich zählt: der nachhaltigen Ertragskraft. Mit der Schritt-für-Schritt-Anleitung können Sie eine erste Einschätzung selbst vornehmen.
Die wichtigsten Erkenntnisse: Bereinigen Sie Ihre Betriebsergebnisse korrekt, setzen Sie den kalkulatorischen Unternehmerlohn realistisch an, und unterschätzen Sie nicht Ihre Inhaberabhängigkeit – diese drei Faktoren bestimmen maßgeblich Ihren Unternehmenswert.
Für rechtlich relevante Zwecke wie Verkauf, Erbschaft oder Scheidung benötigen Sie eine offizielle AWH-Bewertung durch einen zertifizierten Berater.

